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Märchenwelt Bayern - Buchauszug

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Märchenwelt Bayern - Buchauszug

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Aus Bayerns Sagenschatz

Märchenwelt Bayern > Alfons Schweiggert

Märchen aus Bayern, neu erzählt oder erfunden von A. Schweiggert, W. Ludwig Vlg 1989, geb 175 S weiß Hartk SmSU - bL2

Wie der Friedensengel nach München kam

Am Rande von München wohnte einmal ein Mann, der hatte sieben Söhne. In der Zeit schwerer Not entschloß er sich, sie alle in die Welt hinauszuschicken, damit sie sich selbst ihr Brot verdienten.

Die Söhne waren darüber sehr betrübt, aber keiner von ihnen sagte ein Wort. Zum Abschied rief der Vater den ältesten und sprach: "Hör, mein Sohn, willst du lieber meinen Segen oder ein Stück Brot mit auf den Weg?"

"Lieber will ich Brot", entgegnete der älteste. So schnitt der Vater ein Stück Brot ab und gab es dem Sohn, worauf dieser sich auf den Weg machte. Der Vater holte den zweiten und stellte dieselbe Frage. Dieser antwortete ebenfalls, er wolle lieber Brot haben, und so sprachen auch alle anderen bis auf den letzten. Als der jüngste an die Reihe kam, der erst sieben Jahre alt war, fragte ihn der Vater: "Hör, mein Kind, was willst du lieber: mein Brot oder meinen Segen?".

Da fing der Kleine zu weinen an und antwortete, lieber wolle er den Segen haben. Der Vater gab seinem Jüngsten den Segen. Dann machte sich auch dieser auf den Weg.

So waren nun alle sieben Söhne fortgegangen, um Arbeit zu suchen oder einen Herrn, dem sie dienen konnten. Nach der kleinste, der Seppl, eine Weile gegangen war, setzte er sich unter einen Baum und weinte vor Hunger und Müdigkeit. Als die Nacht hereinbrach, stand auf einmal ein großer goldener Engel vor ihm, der fragte ihn: "Wohin willst du mein Kind?"

"Ich will mein Brot verdienen", antwortete der Seppl. "Ich suche einen Herrn, der mir Arbeit gibt." "So jung und klein, wie du bist, willst du schon arbeiten?"

Da erzählte ihm der Seppl, was sich zugetragen hatte und der Engel fragte ihn: "Willst du mir dienen?" "Ja, gern, du bist so freundlich zu mir!" antwortete der Bub froh.

"Nun, wieviel Lohn willst du denn haben?" "Zufriedenheit und was Ihr mir sonst geben wollt." "Gut, dann sind wir uns schon einig. Aber merke dir: Du mußt mir sieben Jahre dienen, und am Ende dieser Zeit gebe ich dir drei goldene Äpfel, das ist mein Lohn und außerdem wirst du immer zufrieden sein. Gilt es?" "Es gilt, lieber Engel."

So folgte Seppl nun seinem Herrn. Auf einmal aber umhüllte die beiden eine lichte Wolke, die trug sie in ein fernes Land. Dort herrschten Krieg und bittere Not. Das sprach der Friedensengel zum Seppl: "Geh zu den Leuten und erinnere sie daran, daß sie Frieden machen sollen." Seppl tat, was ihm befohlen war und mahnte die Leute, in diesem und auch anderen Ländern, Frieden zu halten.

Auf diese Weise diente der Kleine sieben Jahre, und es schienen ihm nur sieben Tagen gewesen zu sein. Am Ende seiner Zeit rief ihn sein Herr und gab ihm die versprochenen drei Äpfel mit den Worten: "Da, nimm den Lohn für deine treuen Dienste und bring die Äpfel deinen Vater. Aber lege diesen Schatz in keine anderen Hände als nur in die seinen, hörst du?!"

Mit frohem Herzen machte sich Seppl davon, ganz ungeduldig, dem Vater die drei Äpfel zu bringen, die genug sein würden, ihn und seine Brüder zu versorgen. Als er schon ganz in der Nähe von München war, begegnete er zweien von seinen Brüdern, die auch gerade heimkehrten. Sogleich fingen sie an, sich zu erzählen, wie es ihnen ergangen war, und Seppl berichtete von dem Friedensengel, den er getroffen hatte, und er zeigte ihnen die drei goldenen Äpfel.

Die Brüder aber waren in der Zwischenzeit der Arbeit aus dem Weg gegangen. Sie waren deshalb bettelarm und ganz geblendet vom Glanz des Goldes. Sie begannen erbärmlich zu betteln, der kleine Bruder möchte ihnen doch seine Äpfel schenken. Aber der sagte, nur der Vater dürfe sie verteilen, wie er wolle.

Da Seppl die Äpfel nicht gutwillig herausgab, faßte die anderen den Plan, ihn zu berauben und zu töten. Gedacht, getan. Aber wie groß war ihr Schrecken, als sie sahen, daß die Hände des toten Bruders die Äpfel so fest hielten, das keiner sie ihnen zu entreißen vermochte.

Da scharrten sie Seppl ein, gingen nach Hause und meinten, niemand würde je von ihrer Schandtat erfahren, weil ja niemand dabei gewesen sei. Als aber ungefähr ein Monat vergangen war, kam ein Hirte an dem Ort der Untat vorbei und sah ein frisches schönes Rohr an der Stelle herauswachsen, wo der Kleine begraben lag. Er schnitt es sofort ab und machte sich eine Schalmei draus.

Als er das Instrument an den Mund setzte, um darauf zu blasen, fing die Schalmei zu klagen an:

"Blase, Hirte, tüt, tüt, tüt,

Meine Brüder nahmen mir das Leben,

ich wollte ihnen die Äpfel nicht geben,

die ich noch für den Vater behüt,

blase Hirte, tüt, tüt, tüt!"

Der Hirte erschrak furchtbar und lief zu einem Köhler, der gerade im Wald Kohlen brannte, und erzählte dem, was ihm widerfahren war. Der Köhler wollte das nicht glauben und nahm die Schalmei, um auch darauf zu spielen. Kaum aber hatte er sie an den Mund gesetzt, da klagte sie:

"Blase, Köhler, tüt, tüt, tüt,

Meine Brüder nahmen mir das Leben,

ich wollte ihnen die Äpfel nicht geben,

die ich noch für den Vater behüt,

blase Köhler, tüt, tüt, tüt!"

Der Köhler wußte auch nicht, wie ihm geschah. Da er aber nach München gehen wollte, bat er den Hirten, er möge ihm das Instrument doch leihen. Er wollte dann einmal sehen, ob in München jemand das Rätsel lösen könne.

So nahm denn der Köhler die Schalmei mit. Das erste Haus, das er betrat, war eine Hufschmiede. Er erzählte dem Hufschmied sein Erlebnis und zeigte ihm das Instrument. Dieser wollte sich überzeugen und setzte die Schalmei an den Mund. Da klagte sie:

"Blase, Hufschmied, tüt, tüt, tüt,

Meine Brüder nahmen mir das Leben,

ich wollte ihnen die Äpfel nicht geben,

die ich noch für den Vater behüt,

blase Hufschmied, tüt, tüt, tüt!"

Als sich die beiden noch wunderten, trat eben der Vater des erschlagenen Buben ein, der genauso staunte über das, was die beiden ihm von der Schalmei erzählten. Er wollte sie auch ausprobieren, aber kaum hatte der alte Mann sie an die Lippen gesetzt, da klagte sie:

"Blase, Vater, tüt, tüt, tüt,

Meine Brüder nahmen mir das Leben,

ich wollte ihnen die Äpfel nicht geben,

die ich noch für dich behüt,

blase Vater, tüt, tüt, tüt!"

Der arme Alte wurde ganz blaß. Es war ihm, als gelte die Weise der Schalmei seiner Familie. In diesem Augenblick betrat einer seiner Söhne mit einer Ladung Kohlen die Schmiede. Es war einer von denen, die den Seppl erschlagen hatten.

Den Vater überkam eine schlimme Ahnung, er reichte dem Sohn die Schalmei und forderte ihn auf, zu blasen. Der setzte sie ohne Argwohn an den Mund. Da klagte sie:

"Blase, Bruder, tüt, tüt, tüt,

Du selber brachtest mich ums Leben,

ich wollte dir die drei Äpfel nicht geben,

die ich noch für den Vater behüt,

blase, Bruder, tüt, tüt, tüt!"

Der Bursche erschrak sehr. Er schlich sich fort, aber der Vater ging mit dem Hufschmied und dem Köhler dorthin, wo der Hirte seine Herde weidete. Der führte sie zu der Stelle, wo er das Rohr abgeschnitten hatte. Als sie zu graben anfingen, stießen sie auf den toten Seppl. Er hielt noch die drei goldenen Äpfel in seiner Hand.

Einer nach dem anderen versuchte, sie ihm herauszunehmen, aber keiner war dazu imstande. Kaum jedoch berührte ihn der alte Vater, da öffnete sich die Hand von selbst und ließ die Äpfel los. Jetzt holte man die beiden bösen Buben an die Grube und sie bekannten ihre Schandtat. Auf einmal senkte sich eine helle Wolke herunter, und der Friedensengel, der herniedergestiegen war, nahm den toten Seppl und trug ihn auf seinen Armen zum Himmel hinauf.

Gleich darauf öffnete sich die Erde und verschlang die beiden bösen Brüder.

Der Vater nahm traurig die drei Äpfel und ging nach Hause. Einen Apfel behielt er für sich und seine vier übrig gebliebenen Söhne, damit sie zufrieden leben konnten. Den zweiten Apfel verkaufte er und schenkte das Geld den Armen, die sich darüber sehr freuten.

Den dritten Apfel brachte er einem Bildhauer. Der errichtete in München oberhalb der Prinzregentenstraße am Isarufer eine Säule, auf der ein goldener Engel stand. Sie sollte alle an den Friedensengel erinnern, der Seppl mit ins Paradies genommen hatte, wo der Bub nun in alle Ewigkeit Frieden und himmlisches Glück genießen darf.

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