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Das Manfred Kyber Buch
Manfred Kyber (01. März 1880 bis 10. März 1933)
schuf viele liebevolle Geschichten und Märchen für Große und
Kleine Leute.
Das nachfolgende "fabel"-hafte Märchen, mehr
für Große gedacht, habe ich dem Manfred Kyber Buch vom Rowohlt Vlg,
101.-108. Tsd 1985, entnommen - das Buch können Sie im Bestand auch anschauen.

Jakob Krakel-Kakel
Jakob Krakel-Kakel war schon ein alter Rabenvater. Aber
- dem Himmel sei es geklagt - er machte noch immer Seitenflüge. Besonders
häufig traf er sich in einer Felsengalerie mit seiner Nichte, der Nebelkrähe.
Er schwärmte so für aschblonde Federn. Da saß er uns schnäbelte,
statt sich die Felsenbilder zu besehen, wie es ehrbare Leute tun. Denn dazu
sind die Felsengalerien da, wie jeder weiß. Die Felsen blieben freilich
ungerührt, aber sonst war es betrübend.
"Krah!, sagte Jakob Krakel-Kakel und ließ sich
elegant auf den Rand seines Nestes niedergleiten.
"Jakob", sagte Frau Krakel-Kakel, die häußlich
auf ihren Eiern saß, "Jakob, wo sind die bestellten Regenwürmer?"
"Regenwürmer sind dieses Jahr sehr schwer zu beschaffen.
Ich fand nicht als einen Engerling, den ich im Versehen verschluckte".
Jakob Krakel-Kakel hatte Übung in solchen Dingen.
"Jakob, wo warst du?" fragte Frau Krakel-Kakel.
"Ich sagte es dir schon", sagte Jakob Krakel-Kakel,
"ich habe alle Felder abgesucht. Ich bin erschöpft. Außerdem
bin ich erkältet."
"Du bist eher erhitzt", sagte Frau Krakel-Kakel.
"Jakob - hat nicht deine Nichte, die Nebelkrähe, aschblonde Federn
auf der Brust?"
"Was wird sie schon haben", sagte Jakob Krakel-Kakel,
"sie wird schon aschblonde Federn haben."
"Jakob", sagte Frau Krakel-Kakel, "du hast
eine aschblonde Feder auf dem Rock."
"Ich werde eben grau", sagte Jakob Krakel-Kakel,
"es ist kein Wunder." Er putzte sich die Feder fort.
"Jakob, kakle die Wahrheit! Du bist polygam. Pfui!"
Jakob Krakel-Kakel senkte schuldbewußt den großen
Schnabel. In der Tiefe seiner Rabenseele aber war er wütend und beschloß,
Rache zu nehmen - Rabenrache!
"Krah", sagte Jakob Krakel-Kakel und flog davon.
Er flog zum Kuckuck.
"Ich habe gehört, daß Sie Ihre Eier vergeben.
Ich will eins haben."
"Mit Vergnügen", sagte der Kuckuck.
"Mehr als einen oder höchstens zwei Regenwürmer
möchte ich nicht anlegen", sagte Jakob Krakel-Kakel, "ich bin
verheiratet und kann mir keine Extravaganzen gestatten."
"O bitte, das genügt vollkommen, ich tue es überhaupt
nur aus reiner Vogelfreundlichkeit", sagte der Kuckuck.
"Ich will das Ei dann gleich mitnehmen", sagte
Jakob Krakel-Kakel.
"Das geht nicht", sagte der Kuckuck pfiffig. "Eierlegen
ist eine produktive Tätigkeit. So was ist doch nicht vorrätig. Man
braucht Stimmung dazu. Das müßte solch ein alter Vogel doch eigentlich
selbst wissen."
Jakob Krakel-Kakel tat, als wisse er das nicht.
"Wann kann ich es mir holen?" fragte er.
"Ich liefere es Ihnen loco Rabennest", sagte der
Kuckuck zuvorkommend.
"Das tun Sie lieber nicht", sagte Jakob Krakel-Kakel,
"Sie könnten da auf ungeahnte Schwierigkeiten stoßen. Ich hole
es mir selbst ab."
Nach einigen Tagen flog Jakob Krakel-Kakel von hinten auf
seine Frau zu. Er hatte ein Ei im Schnabel und schob es ihr vorsichtig ins
Unterrockgefieder. Dann segelte er wieder von dannen - ruchlos krächzend.
Nach einer kurzen Weile kam er wieder und setzte sich auf
den Nestrand. Er sagte nicht einmal "Krah" zur Begrüßung
und kehrte seiner Frau den Rücken zu. Dann wandte er den Schnabel und
sprach über die Schulter.
"Lea", sagte er, "was ist das für ein
Ei?"
"Was werden es für Eier sein", sagte Frau
Krakel-Kakel, "unsere Eier - Rabeneier."
"Lea - kakle die Wahrheit! Du hast ein fremdes Ei im
Nest!"
"Ach, du meinst das kleine, das du mir heute zugesteckt
hast?" sagte Frau Krakel-Kakel. "Das hab' ich ausgetrunken. Es war
doch eine Aufmerksamkeit für die bestellten Regenwürmer, die du vergessen
hast? Nicht wahr?"
Jakob Krakel-Kakel war zumute, als müsse er selber
Eier legen.
"Natürlich", sagte er und sah seine Frau
mit Rabenaugen an. Er tat es nicht lange. Frau Lea Krakel-Kakel hatte einen
Zug um die Schnabelwinkel - einen Zug, den man niemand beschreiben kann, der
ihn nicht kennt.
Jakob Krakel-Kakel wurde hundert Jahre alt. Den Zug vergaß
er nie. Er hat auch auf dem tadellos schwarzen Rock nie wieder eine aschblonde
Feder gehabt.
Und das heißt: Er hat sie sich stets vorher sorgsam
abgeputzt.
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