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Im Märchenland > Hans Lehr (Hrsg)
die schönsten Märchen der Brüder Grimm, von
Wilhelm Hauff, H.Chr. Andersen u L. Bechstein, mit Buntbildern von Inge Hof-Klein
Buchauszug zuerst und dann zum Inhaltsverzeichnis

Tölpel-Hans
Tief im Innern eines Landes lag ein alter Gutshof. Der Besitzer
hatte zwei Söhne, die sich für so witzig und schlau hielten, daß
die Hälfte durchaus genügt hätte.
Die Königstochter ließ bekannt machen, sie werden
den jungen Mann zum Ehegemahl wählen, der schlagfertig sei und seine Worte
am besten zu wählen wisse. Als die beiden Brüder das hörten,
beschlossen sie sogleich, sich um die Hand der Prinzessin zu bewerben.
Volle acht Tage bereiteten sich die beiden auf dieBrautwerbung
vor. Diese Zeit schien ihnen auszureichen, denn sie glaubten, Vorkenntnisse
zu haben. Wie nützlich solche sind, weiß jedermann. Der eine kannte
das ganze lateinische Wörterbuch und auch drei Jahrgänge vom Tageblatt
des Städtchens, das eine Strecke entfernt lag, auswendig, und zwar so
gut, daß er alles von von nach hinten und auch von hinten nach vorn hersagen
konnte.
Der andere hatte sich mit den Innungsgesetzen vertraut gemacht
und wußte auswendig, was jeder Innungsvorstand wissen muß. Deshalb
war er auch überzeugt, bei Staatsangelegenheiten und seinen Senf dazu
geben zu können. Außerdem hatte er sich eine Kunstfertigkeit angeeignet:
er konnte Hosenträger mit Geschmack und Fingerfertigkeit mit Rosen und
anderen Blümchen und Schnörkeleien besticken.
Jeder der beiden sagte: "Ich werde die Königstochter
bekommen". So schenkte denn der greise Papa jedem ein prächtiges
Pferd. Der Sohn, der alles so gut auswendig konnte, bekam einen Rappen, und
der Innungskluge erhielt einen schönen Schimmel.
Die beiden jungen Männer schmierten sich die Mundwinkel
mit Fischtran ein, damit sie recht geschmeidig würden. Als die jungen
Leute zu Pferd stiegen, stand das ganze Gesinde im Hof und schaute zu und wünschte
viel Glück.
Wie von ungefähr kam auch der dritte Bruder hinzu,
denn der Gutsherr hatte drei Söhne. Freilich beachtete man den dritten
Sohn weiter nicht neben seinen Brüdern, weil er nicht so gelehrt war wie
diese. Gewöhnlich nannte man ihn daher auch Tölpel-Hans.
"Ei!" rief Tölpel-Hans. "Wo wollt ihr
denn hin? Ihr habt euch ja in den Sonntagsstaat geworfen!".
Der älteste Bruder rief: "Wir wollen an den Hof
des Königs reiten und uns die Prinzessin erschwatzen! Hast du nichts von
der Bekanntmachung gehört? Sie ist doch im ganzen Land ausgerufen und
in den Tageblättern veröffentlicht worden!"
"Nein, ich weiß nichts davon!" antwortete
Tölpel-Hans. Da machten ihn die Brüder mit dem Zusammenhang bekannt.
"Ei, der Tausend! Da bin ich auch dabei!" rief
Tölpel-Hans.
Die gelehrten Brüder lachten ihn aus und ritten davon.
Tölpel-Hans trat zu seinem Vater und rief: "Väterchen!
Ich muß auch ein Pferd haben! Was ich für eine Lust zum Heiraten
kriege! Nimmt sie mich, so nimmt sie mich! Nimmt sie mich aber nicht, so nehme
ich sie! Kriegen tu ich sie!"
Der Gutsherr grollte: "Laß das Gewäsch!
Dir gebe ich kein Pferd. Du kannst nicht reden, geschweige denn deine Worte
gut und treffend wählen! Deine Brüder, ja, das sind ganz andere Kerle
als du!"
"Nun", antwortete Tölpel-Hans gelassen, "wenn
ich kein Pferd erhalte, dann nehme ich den Ziegenbock. Der gehört mir
sowieso! Und tragen kann er mich auch".
Gesagt, getan! Tölpel-Hans setzte sich rittlings auf
den Ziegenbock, preßte die Hacken in dessen Weichen ein und ritt davon.
Wie ein Sturmwind rannte der Bock die Hauptstraße entlang. Hei, hopp!
Das war ein Ritt!
Tölpel-Hans sang, daß es weit und breit zu hören
war, und wenn er jemand sah, so schrie er: "Hier komm ich!"
Die Brüder ritten langsam voraus. Sie sprachen kein
Wort und grübelten nach guten Einfällen, die sie anbringen wollten,
wenn sie vor der Prinzessin standen. Alles sollte recht fein ausspekuliert
sein.
Tölpel-Hans holte seine Brüder ein und rief ihnen
zu: "Hei, hier bin ich. Seht mal, was ich auf der Straße fand!"
Und er zeigte ihnen eine tote Krähe.
"Tölpel!" rief der älteste Bruder. Und
der zweite fragte: "Was willst du mit dieser Krähe anfangen?"
"Die will ich der Prinzessin schenken!"
Die beiden lachten laut und antworteten: "Ja, das tu
nur!"
Tölpel-Hans folgte ihnen und rief nach einer Weile:
"Hei...hopp! Hier bin ich! Seht, was ich jetzt habe! Das findet man nicht
alle Tage!"
Die Brüder wandten sich um, denn sie wollten sehen,
was Tölpel-Hans jetzt wohl habe.
"Tölpel!" rief wieder der älteste Bruder.
Und der zweite fügte hinzu: "Das ist ja ein alter Holzschuh, dem
sogar das Oberteil fehlt. Willst du auch den der Prinzessin schenken?"
"Selbstverständlich werde ich das tun!" rief
Tölpel-Hans.
Da lachten die Brüder wieder und ritten weiter. Mit
ihren Pferden gewannen sie einen Vorsprung.
Tölpel-Hans jubelte: "Hei hoppsassa! Hier bin
ich! Es wird immer besser! Hei! Es ist alles ganz famos!"
Da hielten die beiden Brüder wieder an, und der älteste
fragte: "Was hast du denn jetzt?"
Tölpel-Hans rief: "Oh, das ist gar nicht zu sagen,
wie schön das ist!" Dabei hielt er seinen Fund hoch. "Wie wird
sie erfreut sein, die Prinzessin!"
"Tölpel!" rief da der älteste Bruder
und der andere schrie: "Pfui, das ist ja Schlamm, Schlamm, direkt aus
dem Graben!"
Tölpel-Hans nickt und erwiderte: "Ja, freilich!
Aber es ist Schlamm von der feinsten Sorte! Seht, wie er einem zwischen den
Fingern durchläuft!" Dabei füllte er seine Tasche mit dem Schlamm.
Nun sprengten die Brüder auf ihren Pferden dahin, daß
Kies und Funken stoben. Auf diese Weise gelangten sie eine ganze Stunde früher
als Tölpel-Hans an das Stadttor.
Hier bekamen alle Freier Nummern und wurden in Reih und
Glied geordnet, immer sechs in eine Reihe. Die Männer wurden, weil es
so viele waren, so eng zusammengedrängt, daß sie die Arme nicht
bewegen konnten. Das war eine kluge Maßnahme des Königs, denn sonst
hätten manche Männer einander das Fell über die Ohren gezogen,
weil jeder gern weiter nach vorn gekommen wäre.
Das Volk umdrängte das königliche Schloß
in Massen. Man wollte die Freier sehen und es gleich erfahren, auf wen die
Wahl der Prinzessin gefallen war.
Den meisten Männern gin, wenn sie in dem Saal vor die
Prinzessin traten, die Rede aus wie ein Licht. So sagte denn die Königstochter
immer wieder: "Der taugt nichts ! Fort, hinaus mit ihm!"
Und die Abgewiesenen zogen betrübt von dannen.
Endlich kam die Reihe an denjenigen der Brüder, der
das Wörterbuch auswendig konnte. Jetzt wußte er aber gar nichts
mehr davon. Beim Warten in Reih und Glied hatte er alles vergessen.
Es irritierte ihn, daß die Fußdielen knarrten,
daß die Zimmerdecke aus Spiegelglas bestand, worin er sich auf dem Kopf
stehen sah, und daß an jedem Fenster drei Schreiber und ein Oberschreiber
standen, die alles niederschrieben, was gesprochen wurde, damit es sofort in
die Zeitung käme und für einen Silbergroschen an der Straßenecke
verkauft werde und alle Leute des Landes es erführen.
Der älteste Bruder fand das alles schrecklich, und
dabei hatte man den Ofen dermaßen eingeheizt, daß er glühte.
So wischte sich denn der Prüfling den Schweiß von der Stirn und
sagte: "Hier ist ja eine entsetzliche Hitze!"
Die Prinzessin nickte und bestätigte: "Allerdings,
mein Vater brät heute aber auch junge Hähne!"
"Mäh!" Da stand der Freier wie ein Mähähä.
Auf einen solchen Gesprächsstoff war er nicht gefaßt gewesen. Kein
Wort brachte er heraus, obgleich er etwas recht Witziges hatte sagen wollen.
"Mäh!"
"Taugt nichts!" sprach die Prinzessin. "Fort,
hinaus mit ihm!" Und er mußte hinaus.
Nun trat der andere Bruder ein. Auch er empfand die Wärme
unangenehm und sagte: "Oh, hier ist ja eine entsetzliche Hitze!"
Die Prinzessin nickte. "Allerdings, wir braten nämlich
heute junge Hähne!"
"Wie be - wie?" fragte er, und die Schreiber notierten:
Wie be - wie?
"Taugt nichts!" entschied die Königstochter.
"Fort, hinaus mit ihm!"
Als Tölpel-Hans daran kam, ritt er auf dem Ziegenbock
geradewegs in den Saal hinein und rief: "Das ist ja eine Mordshitze hier!"
"Jawohl, ich brate auch junge Hähne!" entgegnete
die Prinzessin.
Da lachte Tölpel-Hans und rief: "Ei, das ist schön!
Da kann ich wohl eine Krähe mitbraten?"
Die Prinzessin nickte. "Mit dem größten
Vergnügen! Haben Sie etwas, worin Sie braten können? Meine Töpfe
und Tiegel sind alle gefüllt. Ich kann Ihnen daher keinen leihen!"
"Oh, das habe ich!" bestätigte Tölpel-Hans.
"Hier ist ein Kochgeschirr, das hat sogar einen zinnernen Bügel!"
Damit zog er den Holzschuh hervor und legte die Krähe hinein.
"Das ist ja eine ganze Mahlzeit", meinte die Prinzessin
belustigt. "Woher aber nehmen wir die Brühe?"
Tölpel-Hans lachte. "Die habe ich in der Tasche!
Ich habe so viel, daß ich sogar davon noch wegwerfen kann!" Unter
diesen Worten goß er etwas Schlamm aus der Tasche.
"Das gefällt mir !" rief die Königstochter.
"Du bist schlagfertig! Dich will ich zum Manne haben! Weißt du auch,
daß jedes Wort, das wir gesprochen haben und sprechen, niedergeschrieben
und morgen in der Zeitung erscheinen wird? Du siehst, daß an jedem Fenster
drei Schreiber und ein Oberschreiber stehen. Dieser alte Oberschreiber das
ist der schlimmste, denn er ist schwer von Begriffen!"
Das sagte die Prinzessin nur, um Hans weiter auf die Probe
zu stellen. Die Schreiber wieherten vor Vergnügen, und jeder spritzte
einen Tintenklecks auf den Boden.
"Ah, das sind also die Herrschaften!" meinte Hans
lachend. "Nun, so soll der Oberschreiber das Beste haben!" Damit
kehrte er seine Tasche um und warf ihm den Schlamm in das Gesicht.
"Das hast du fein hingekriegt!" sagte die Prinzessin.
"Das hätte ich nicht fertiggebracht, aber ich werde es schon noch
lernen!"
So wurde Tölpel-Hans König, bekam eine Frau und
eine Krone und saß auf einem Thron. Das haben wir ganz naß aus
der Zeitung des Oberschreibers und Schreiberinnungsmeisters.... und auf die
ist nicht zu bauen.
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