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Im Märchenland - Buchauszug

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Im Märchenland - Buchauszug

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Aktualisiert am: 04.10.2006

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Im Märchenland > Hans Lehr (Hrsg)

die schönsten Märchen der Brüder Grimm, von Wilhelm Hauff, H.Chr. Andersen u L. Bechstein, mit Buntbildern von Inge Hof-Klein

Buchauszug zuerst und dann zum Inhaltsverzeichnis

Tölpel-Hans

Tief im Innern eines Landes lag ein alter Gutshof. Der Besitzer hatte zwei Söhne, die sich für so witzig und schlau hielten, daß die Hälfte durchaus genügt hätte.

Die Königstochter ließ bekannt machen, sie werden den jungen Mann zum Ehegemahl wählen, der schlagfertig sei und seine Worte am besten zu wählen wisse. Als die beiden Brüder das hörten, beschlossen sie sogleich, sich um die Hand der Prinzessin zu bewerben.

Volle acht Tage bereiteten sich die beiden auf dieBrautwerbung vor. Diese Zeit schien ihnen auszureichen, denn sie glaubten, Vorkenntnisse zu haben. Wie nützlich solche sind, weiß jedermann. Der eine kannte das ganze lateinische Wörterbuch und auch drei Jahrgänge vom Tageblatt des Städtchens, das eine Strecke entfernt lag, auswendig, und zwar so gut, daß er alles von von nach hinten und auch von hinten nach vorn hersagen konnte.

Der andere hatte sich mit den Innungsgesetzen vertraut gemacht und wußte auswendig, was jeder Innungsvorstand wissen muß. Deshalb war er auch überzeugt, bei Staatsangelegenheiten und seinen Senf dazu geben zu können. Außerdem hatte er sich eine Kunstfertigkeit angeeignet: er konnte Hosenträger mit Geschmack und Fingerfertigkeit mit Rosen und anderen Blümchen und Schnörkeleien besticken.

Jeder der beiden sagte: "Ich werde die Königstochter bekommen". So schenkte denn der greise Papa jedem ein prächtiges Pferd. Der Sohn, der alles so gut auswendig konnte, bekam einen Rappen, und der Innungskluge erhielt einen schönen Schimmel.

Die beiden jungen Männer schmierten sich die Mundwinkel mit Fischtran ein, damit sie recht geschmeidig würden. Als die jungen Leute zu Pferd stiegen, stand das ganze Gesinde im Hof und schaute zu und wünschte viel Glück.

Wie von ungefähr kam auch der dritte Bruder hinzu, denn der Gutsherr hatte drei Söhne. Freilich beachtete man den dritten Sohn weiter nicht neben seinen Brüdern, weil er nicht so gelehrt war wie diese. Gewöhnlich nannte man ihn daher auch Tölpel-Hans.

"Ei!" rief Tölpel-Hans. "Wo wollt ihr denn hin? Ihr habt euch ja in den Sonntagsstaat geworfen!".

Der älteste Bruder rief: "Wir wollen an den Hof des Königs reiten und uns die Prinzessin erschwatzen! Hast du nichts von der Bekanntmachung gehört? Sie ist doch im ganzen Land ausgerufen und in den Tageblättern veröffentlicht worden!"

"Nein, ich weiß nichts davon!" antwortete Tölpel-Hans. Da machten ihn die Brüder mit dem Zusammenhang bekannt.

"Ei, der Tausend! Da bin ich auch dabei!" rief Tölpel-Hans.

Die gelehrten Brüder lachten ihn aus und ritten davon.

Tölpel-Hans trat zu seinem Vater und rief: "Väterchen! Ich muß auch ein Pferd haben! Was ich für eine Lust zum Heiraten kriege! Nimmt sie mich, so nimmt sie mich! Nimmt sie mich aber nicht, so nehme ich sie! Kriegen tu ich sie!"

Der Gutsherr grollte: "Laß das Gewäsch! Dir gebe ich kein Pferd. Du kannst nicht reden, geschweige denn deine Worte gut und treffend wählen! Deine Brüder, ja, das sind ganz andere Kerle als du!"

"Nun", antwortete Tölpel-Hans gelassen, "wenn ich kein Pferd erhalte, dann nehme ich den Ziegenbock. Der gehört mir sowieso! Und tragen kann er mich auch".

Gesagt, getan! Tölpel-Hans setzte sich rittlings auf den Ziegenbock, preßte die Hacken in dessen Weichen ein und ritt davon. Wie ein Sturmwind rannte der Bock die Hauptstraße entlang. Hei, hopp! Das war ein Ritt!

Tölpel-Hans sang, daß es weit und breit zu hören war, und wenn er jemand sah, so schrie er: "Hier komm ich!"

Die Brüder ritten langsam voraus. Sie sprachen kein Wort und grübelten nach guten Einfällen, die sie anbringen wollten, wenn sie vor der Prinzessin standen. Alles sollte recht fein ausspekuliert sein.

Tölpel-Hans holte seine Brüder ein und rief ihnen zu: "Hei, hier bin ich. Seht mal, was ich auf der Straße fand!" Und er zeigte ihnen eine tote Krähe.

"Tölpel!" rief der älteste Bruder. Und der zweite fragte: "Was willst du mit dieser Krähe anfangen?"

"Die will ich der Prinzessin schenken!"

Die beiden lachten laut und antworteten: "Ja, das tu nur!"

Tölpel-Hans folgte ihnen und rief nach einer Weile: "Hei...hopp! Hier bin ich! Seht, was ich jetzt habe! Das findet man nicht alle Tage!"

Die Brüder wandten sich um, denn sie wollten sehen, was Tölpel-Hans jetzt wohl habe.

"Tölpel!" rief wieder der älteste Bruder. Und der zweite fügte hinzu: "Das ist ja ein alter Holzschuh, dem sogar das Oberteil fehlt. Willst du auch den der Prinzessin schenken?"

"Selbstverständlich werde ich das tun!" rief Tölpel-Hans.

Da lachten die Brüder wieder und ritten weiter. Mit ihren Pferden gewannen sie einen Vorsprung.

Tölpel-Hans jubelte: "Hei hoppsassa! Hier bin ich! Es wird immer besser! Hei! Es ist alles ganz famos!"

Da hielten die beiden Brüder wieder an, und der älteste fragte: "Was hast du denn jetzt?"

Tölpel-Hans rief: "Oh, das ist gar nicht zu sagen, wie schön das ist!" Dabei hielt er seinen Fund hoch. "Wie wird sie erfreut sein, die Prinzessin!"

"Tölpel!" rief da der älteste Bruder und der andere schrie: "Pfui, das ist ja Schlamm, Schlamm, direkt aus dem Graben!"

Tölpel-Hans nickt und erwiderte: "Ja, freilich! Aber es ist Schlamm von der feinsten Sorte! Seht, wie er einem zwischen den Fingern durchläuft!" Dabei füllte er seine Tasche mit dem Schlamm.

Nun sprengten die Brüder auf ihren Pferden dahin, daß Kies und Funken stoben. Auf diese Weise gelangten sie eine ganze Stunde früher als Tölpel-Hans an das Stadttor.

Hier bekamen alle Freier Nummern und wurden in Reih und Glied geordnet, immer sechs in eine Reihe. Die Männer wurden, weil es so viele waren, so eng zusammengedrängt, daß sie die Arme nicht bewegen konnten. Das war eine kluge Maßnahme des Königs, denn sonst hätten manche Männer einander das Fell über die Ohren gezogen, weil jeder gern weiter nach vorn gekommen wäre.

Das Volk umdrängte das königliche Schloß in Massen. Man wollte die Freier sehen und es gleich erfahren, auf wen die Wahl der Prinzessin gefallen war.

Den meisten Männern gin, wenn sie in dem Saal vor die Prinzessin traten, die Rede aus wie ein Licht. So sagte denn die Königstochter immer wieder: "Der taugt nichts ! Fort, hinaus mit ihm!"

Und die Abgewiesenen zogen betrübt von dannen.

Endlich kam die Reihe an denjenigen der Brüder, der das Wörterbuch auswendig konnte. Jetzt wußte er aber gar nichts mehr davon. Beim Warten in Reih und Glied hatte er alles vergessen.

Es irritierte ihn, daß die Fußdielen knarrten, daß die Zimmerdecke aus Spiegelglas bestand, worin er sich auf dem Kopf stehen sah, und daß an jedem Fenster drei Schreiber und ein Oberschreiber standen, die alles niederschrieben, was gesprochen wurde, damit es sofort in die Zeitung käme und für einen Silbergroschen an der Straßenecke verkauft werde und alle Leute des Landes es erführen.

Der älteste Bruder fand das alles schrecklich, und dabei hatte man den Ofen dermaßen eingeheizt, daß er glühte. So wischte sich denn der Prüfling den Schweiß von der Stirn und sagte: "Hier ist ja eine entsetzliche Hitze!"

Die Prinzessin nickte und bestätigte: "Allerdings, mein Vater brät heute aber auch junge Hähne!"

"Mäh!" Da stand der Freier wie ein Mähähä. Auf einen solchen Gesprächsstoff war er nicht gefaßt gewesen. Kein Wort brachte er heraus, obgleich er etwas recht Witziges hatte sagen wollen. "Mäh!"

"Taugt nichts!" sprach die Prinzessin. "Fort, hinaus mit ihm!" Und er mußte hinaus.

Nun trat der andere Bruder ein. Auch er empfand die Wärme unangenehm und sagte: "Oh, hier ist ja eine entsetzliche Hitze!"

Die Prinzessin nickte. "Allerdings, wir braten nämlich heute junge Hähne!"

"Wie be - wie?" fragte er, und die Schreiber notierten: Wie be - wie?

"Taugt nichts!" entschied die Königstochter. "Fort, hinaus mit ihm!"

Als Tölpel-Hans daran kam, ritt er auf dem Ziegenbock geradewegs in den Saal hinein und rief: "Das ist ja eine Mordshitze hier!"

"Jawohl, ich brate auch junge Hähne!" entgegnete die Prinzessin.

Da lachte Tölpel-Hans und rief: "Ei, das ist schön! Da kann ich wohl eine Krähe mitbraten?"

Die Prinzessin nickte. "Mit dem größten Vergnügen! Haben Sie etwas, worin Sie braten können? Meine Töpfe und Tiegel sind alle gefüllt. Ich kann Ihnen daher keinen leihen!"

"Oh, das habe ich!" bestätigte Tölpel-Hans. "Hier ist ein Kochgeschirr, das hat sogar einen zinnernen Bügel!" Damit zog er den Holzschuh hervor und legte die Krähe hinein.

"Das ist ja eine ganze Mahlzeit", meinte die Prinzessin belustigt. "Woher aber nehmen wir die Brühe?"

Tölpel-Hans lachte. "Die habe ich in der Tasche! Ich habe so viel, daß ich sogar davon noch wegwerfen kann!" Unter diesen Worten goß er etwas Schlamm aus der Tasche.

"Das gefällt mir !" rief die Königstochter. "Du bist schlagfertig! Dich will ich zum Manne haben! Weißt du auch, daß jedes Wort, das wir gesprochen haben und sprechen, niedergeschrieben und morgen in der Zeitung erscheinen wird? Du siehst, daß an jedem Fenster drei Schreiber und ein Oberschreiber stehen. Dieser alte Oberschreiber das ist der schlimmste, denn er ist schwer von Begriffen!"

Das sagte die Prinzessin nur, um Hans weiter auf die Probe zu stellen. Die Schreiber wieherten vor Vergnügen, und jeder spritzte einen Tintenklecks auf den Boden.

"Ah, das sind also die Herrschaften!" meinte Hans lachend. "Nun, so soll der Oberschreiber das Beste haben!" Damit kehrte er seine Tasche um und warf ihm den Schlamm in das Gesicht.

"Das hast du fein hingekriegt!" sagte die Prinzessin. "Das hätte ich nicht fertiggebracht, aber ich werde es schon noch lernen!"

So wurde Tölpel-Hans König, bekam eine Frau und eine Krone und saß auf einem Thron. Das haben wir ganz naß aus der Zeitung des Oberschreibers und Schreiberinnungsmeisters.... und auf die ist nicht zu bauen.

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